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Brandevoort (Veste)
Helmond, NL
1995 - 2000
DAM Inv.nr. 142-258-(001-292)
Skizzen, Entwurf, Präsentationszeichnungen, Dokumentationen
Katalogtext: Die Kleinstadt Brandevoort, die für 20.000 Einwohner geplant ist, stellt eine vollkommene Neuschöpfung auf der „grünen Wiese“ zwischen Helmond und Eindhoven in der niederländischen Provinz Brabant dar. Ein Teil des Zentrums „De Veste“ ist mittlerweile fertig gestellt. Um diese dörfliche Mitte sollen sich bis zum Jahre 2013 noch fünf weitere Nachbarschaften gruppieren.
Der bis 1998 für die Stadtentwicklung von Helmond zuständige Bürgermeister Sjef Jonkers erklärte die Notwenigkeit der Neugründung mit der zunehmenden Abwanderung reicherer Einkommensschichten in das Umland von Helmond: „Während es einen starken Zuzug von unteren Einkommensschichten gab, sind die mittleren und höheren Einkommensschichten regelrecht aus der Stadt geflüchtet […] Wir haben sorgfältig inventarisiert, was die Wünsche der Menschen sind: Geborgenheit, Privatheit, Ruhe und Individualität […] Die Folge dieser Überlegungen war, dass wir eigentlich ein neues Dorf bauen mussten.“ (in: Baumeister, 7, 2003, 47).
Hier trafen sich in der Provinz von Brabant in besonderer Weise die Vorstellungen eines Bauherrn und die romantischen Visionen von Rob Krier. Und wie der Erfolg des Projektes zeigt, hatte man die Bedürfnisse und Wünsche der potenteren Mittelschicht nach Wertebeständigkeit, Tradition und Kontinuität richtig eingeschätzt.

Für den Masterplan gab es als Orientierung eigentlich nur die Eisenbahntrasse Eindhoven – Düsseldorf. Brandevoort sollte eine Bahnstation erhalten, so dass das Zentrum unmittelbar südlich an die Bahnlinie verlegt wurde und sich östlich bis an einen glacisartigen Vorsprung erstreckt. Dieser wurde zu einem Wassergraben umstrukturiert. So war die Idee von einer mittelalterliche Vorbilder zitierenden „Veste“ als neuem Stadtkern begründet.
Das Areal durchquerte in ostwestlicher Richtung in geschwungenem Verlauf eine alte LandstraĂźe. Dieses Element nutzte Rob Krier und machte es zur zentralen Achse der neuen Stadtmitte. Er platzierte senkrecht dazu einen lang gestreckten, schmalen Marktplatz. So wurde die antike StraĂźenkreuzung von Cardo und Decumanus wieder lebendig. Den Marktplatz werden eine Kirche und eine Markthalle beherrschen. Die Verkaufshalle in einer Gusseisenkonstruktion ausgefĂĽhrt, steht zurzeit noch etwas verloren auf dem Platzareal.
Fünf unterschiedlich gestaltete Stadttore markieren die Eingänge in die „Veste“ und den Übergang zur Bahnstation. Die dreigeschossige Bebauung entlang des äußeren Randes wird immer wieder von viergeschossigen Wohntürmen mit vorgelagerten Bastionen durchbrochen, so dass der Eindruck einer geschlossenen wehrhaften Anlage entsteht.
Die Blockmodule im Inneren werden gebildet aus zwei- und dreigeschossigen Reihen giebelständiger Häuser mit individuell gestalteten Fassaden, überwiegend in Klinker ausgeführt, aber in unterschiedlichen Mauerwerkstechniken. Die Details sind historischen Vorbildern aus niederländischen Städten des 17. und 18. Jahrhunderts entlehnt. Um jedoch einen rationellen und damit auch ökonomischen Bauverlauf zu ermöglichen, bestehen die Primärstrukturen aus Stahlbeton und Fertigteilen. Auch die Geschosshöhen sind in den einzelnen Zeilen gleich, auch wenn durch verschieden hohe Brüstungen unterschiedliche Höhen suggeriert werden.
Wie bereits bei anderen Großprojekten beteiligten Rob Krier und Christoph Kohl weitere Architekturbüros an der Ausführung, um so die gewünschte Vielfalt und den Eindruck gewachsener Strukturen zu ermöglichen. Um jedoch in der Vielheit eine Einheit zu wahren, legte Rob Krier allen Planungen eine Gestaltsatzung zu Grunde, in der er neben seinen Gedanken zum Städtebau auch eine Vielzahl von Fassadenlösungen ausbreitete. Interessanterweise griff er dazu auf Versatzstücke aus seinem Lieblingsprojekt für die Innenstadt von Amiens zurück. Für Amiens (1984-1991) hatte er sich schon einmal ausführlich mit dem Thema einer kleinteiligen, mittelalterlich anmutenden Stadtstruktur beschäftigt.
Anders als im fast gleichzeitig entstandenen Kirchsteigfeld bei Potsdam ist in der „Veste Brandevoort“ ein einheitlicher und stimmiger Gesamteindruck entstanden. Hierzu tragen sicher die hochwertigen Materialien und die sorgfältige Ausführung bei. Eine wertekonservative Gesellschafsschicht hat damit in Brandevoort eine für sie identitässtiftende architektonische Umgebung gefunden.
UKJ
 
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