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Rob Krier >> biografische Informationen
  
Kirchsteigfeld - Entwurf
Potsdam-Drewitz, D
1991 - 1993
DAM Inv.nr. 142-234-(001-491)
Skizzen, Entwurf (Originale, Kopien), Korrespondenz, Präsentationszeich-nungen, Ölgemälde, Erläuterungen
Katalogtext: “Eine Stadt entsteht.”

Die Bebauung des Kirchsteigfelds zwischen Potsdam und Drewitz gelegen, gehörte zu den größten Siedlungsprojekten in Ostdeutschland unmittelbar nach der Wiedervereinigung. Es sollte keine Schlafstadt entstehen, sondern ein urbanes Stadtquartier zum Wohnen und Arbeiten. Deshalb wies man neben den Wohnarealen eine große Gewerbe- und Dienstleistungszone aus. Geplant wurden ferner Schulen, Kindertagesstätten, ein Jugendhaus, eine Kirche mit Gemeindezentrum, Geschäfte und Sportanlagen. Die Mischung aus Eigenheimen, Miet- und Eigentumswohnungen sollte eine heterogene Bevölkerungsstruktur garantieren.
Das Kirchsteigfeld bezeichnete ursprünglich den Weg über das Feld zur Dorfkirche nach Drewitz. Bis zur Wiedervereinigung wurde das ca. 60 Hektar große Areal landwirtschaftlich genutzt. Das keilförmige sich nach Süden erstreckende Gebiet wird im Norden von einer Plattenbausiedlung aus den 1980er Jahren begrenzt. An der Westseite erstreckt sich die dörfliche Bebauung von Drewitz. Die Autobahn Berlin-Hannover bildet die östliche Grenze und trennt das Kirchsteigfeld von dem Landschaftsschutzgebiet, dem ehemaligen Jagdrevier Parforce-Heide von Friedrich Wilhelm I.
Die ebene, sandige Hochfläche des Kirchsteigfeldes weist zwei charakteristische Landschaftselemente auf, die Rob Krier geschickt für die Strukturierung seines Gesamtplanes nutzte: Die DDR-Plattensiedlung wird vom Kirchsteigfeld durch den sog. „Priesterweg“ getrennt, eine als Naturdenkmal ausgewiesene hundert Jahre alte Eichenallee. Die breiteste Stelle des Feldes durchzieht ein schmaler Bach, der „Hirtengraben“. Diesen Bachlauf führte Rob Krier in nordsüdlicher Richtung als Wassergraben – „Gracht“ – fort. So entstanden drei grüne Achsen, die das Gelände in einen nördlichen Wohnbereich zwischen dem Priesterweg und dem Hirtengraben, einen südwestlich davon gelegenen zwischen dem Dorf Drewitz und der „Gracht“ und ein Gewerbe- und Dienstleistungszentrum zwischen dem neuen Wasserarm und der Autobahn teilen.
Die Büro- und Gewerbebauten sind als kompakte Stadtkante geplant, die gleichzeitig wie eine Schutzwand für die benachbarten Wohnquartiere wirken soll. Die Realisierung dieses Bereiches ist angesichts der derzeitigen schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse verschoben. Die beiden Wohngebiete für jeweils rund 5.000 Menschen haben je eine besonders gestaltete Mitte in der Form einer zentralen Platzanlage. Diese unverwechselbaren Plätze sollen sich zu den identitätsstiftenden Zentren für die Bewohner entwickeln. Beide Wohnareale verbindet ein gemeinsamer Marktplatz mit Kirche, Gemeindezentrum und Geschäften am Hirtengraben.

Die Wohnbebauung ist überwiegend in Blöcken um begrünte Innenhöfe angelegt, zumeist drei- bis viergeschossig. Die Höhen variieren innerhalb der Blocks, um so ein vielfältiges Erscheinungsbild zu ermöglichen. Zum Dienstleistungszentrum hin ist die Blockfolge jedoch fünfgeschossig. So soll zu beiden Seiten der „Gracht“ eine einheitliche Traufhöhe erreicht werden.
Eine besondere Ausprägung erfuhren die Blockecken, die oftmals als Ecktürme oder kleine Bastionen gestaltet sind. Die Blockwände sind im Erdgeschoß immer wieder durchbrochen. So werden Durchgänge und Blickachsen zwischen dem Straßenraum und den Innenhöfen ermöglicht. „Die gesamte Blockplanung wurde mit einem Sichtachsensystem belegt […] Eine solche Sichtachse endet nie zufällig oder im „Nichts“. Meist sind es Gebäude oder markante Gebäudeteile, manchmal auch landschaftliche Merkmale, die den Fluchtpunkt einer solchen Achse bilden.“ (Krier, Kohl, Kirchsteigfeld, 1997, 69-70.)

Die komplexe Planung von Kirchsteigfeld hatte ihren Ausgangspunkt in einem Workshop, zu dem der Bauherr 1991 sechs Architekturbüros eingeladen hatte. Eine Jury entschied sich für das städtebauliche Konzept Krier.Kohl. Die übrigen am Wettbewerb beteiligten Büros blieben jedoch in die Realisation involviert, indem ihnen zentrale Gebäude und vor allem die Blockrandbebauung übertragen wurden. Dabei lag die Generalplanung in den Händen von Rob Krier und Christoph Kohl, während die einzelnen Büros - zu denen im 2. Bauabschnitt noch weitere Architektengemeinschaften hinzukamen - gleichsam in ausgewählten „Baulücken“ planten. Jeder Block wurde in Hauseinheiten aufgeteilt, so dass eine große Vielfalt von einzelnen „Häusern“ entstand, die den Eindruck einer gewachsenen Stadt erwecken sollte. Durch den bewussten Verzicht auf eine einheitliche Lösung und die Beteiligung sehr unterschiedlicher Architekturbüros sind - wie in jeder „normalen“ Stadt - gelungene und weniger gelungene Häuser anzutreffen. „Trotz vieler Einwände ist das Kirchsteigfeld dennoch ein Versuch, bei der Konzeption größerer Neubausiedlungen am Stadtrand andere Wege zu gehen [...] Die deutliche Differenzierung zwischen erschließender Straße, gestalteten Plätzen für öffentlichen Aufenthalt und grünen Höfen für die Anwohner (verleiht) dem Ort zweifellos Unverwechselbarkeit.“ (Peter Rumpf in: Bauwelt, 41, 1995, 2388).
UKJ
 
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